Boom bei Sportdokumentationen

Schlüssellocheffekt

07.01.2026

Immer mehr Sportdokus kommen auf den Markt. Mit mal mehr oder weniger Tiefe und Nähe soll vor allem ein jüngeres Publikum gewonnen werden. Aber es geht nicht nur darum, berichtet Maik Rosner.

 

Wer in diesem Januar auf die Idee kommen sollte, sich zwischen den Springen der Vierschanzentournee, den Ski-Weltcups und den bald wieder omnipräsenten Fußballspielen auch noch die verfügbaren Sportdokumentationen anzusehen, wird schnell feststellen, dass der Winter dafür kaum ausreichen dürfte. Zu umfangreich sind mittlerweile die Angebote an mehr oder weniger erhellenden Filmen, um von diesen auch nur die Hälfte bis zum Ende der dunklen Jahreszeit vollständig zu gucken.

Allein in der Mediathek der ARD finden sich so viele Angebote, dass man mehrere Wochen damit zubringen könnte, den Aufstieg und Fall von Traditionsvereinen wie 1860 München, dem 1. FC Kaiserslautern und dem VfB Stuttgart nachzuerleben, sich an die Terroranschläge von Paris 2015 aus der Perspektive der deutschen Nationalmannschaft zu erinnern oder einzutauchen in das Leben einzelner Sportpersönlichkeiten wie Franziska van Almsick, Katarina Witt oder Leo Neugebauer. Wer will, kann auch überprüfen, warum die viel kritisierte Doku "Being Jérôme Boateng" so umstritten ist, sogar innerhalb der ARD, in der Bayerischer Rundfunk (BR), Norddeutscher Rundfunk (NDR) und Südwestrundfunk (SWR) besonders viele Sportdokus produzieren.

Sportpolitische Themen und Dopinghintergründe sind genauso zu finden wie eher Abseitiges, darunter eine Doku über vier Wolfsburger bei der Armwrestling-WM in Aserbaidschan. Oder soll es eine Doku sein aus der ZDF Mediathek über die "Biathlon Nation"? Oder über die deutsche Basketballerin Satou Sabally? Oder über die Basketball-Brüder Franz und Moritz Wagner, die ebenfalls von Berlin aus in die USA gegangen sind? Zu finden ist auch eine Doku über Tennis in der DDR und die Schikanen des Regimes gegen jene, die die unerwünschte Sportart ausübten.

Die genannten Filme sind nur ein kleiner Teil des Angebots in den Mediatheken von ARD und ZDF. Hinzu kommen weitere Sportdokus bei privaten Anbietern von Sky über Amazon Prime bis hin zu Netflix. Teilweise gibt es sogar mehrere Dokus zu einem Thema, wie über Katarina Witt oder die Fußball-Nationalelf beim Pariser Terror von 2015. (Foto "Being Katarina Witt": vds/ARD)

Als wichtiger oder vielleicht sogar entscheidender Impuls für die heutige Vielfalt gilt die Doku "The Last Dance" über den US-Basketballer Michael Jordan und die Chicago Bulls. ESPN und Netflix bescherte die zehnteilige Serie 2020 zu Beginn der Pandemie zahlreiche Rekorde. Der aktuelle Boom der Sportdokus gerade auch bei den Öffentlich-Rechtlichen sei aber "nicht nur mit der Konkurrenz durch Streamingplattformen" zu erklären, sagt der Medienwissenschaftler Dr. Simon Rehbach vom Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Es gehe generell auch um die Darstellung unterschiedlicher Perspektiven und Details sowie darum, eine vermeintliche Nähe zu den Protagonisten aufzubauen. Zudem versuchten die TV-Sender mit Sportdokus, "die Attraktivität ihrer Mediatheken zu steigern und auf diesem Weg vor allem junge Zuschauer*innen zu erreichen", sagt Rehbach. Zugleich erkennt er das Bestreben, durch Dokus über weit zurückliegende Sportmomente Nostalgie zu erzeugen und ein breites Publikum unterschiedlichen Alters anzusprechen.

Das gelingt offensichtlich überwiegend erfolgreich. Ende November vermeldete die ARD für ihre gesamte Mediathek ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit sei man mit "monatlich über 25 Millionen Nutzenden auch 2025 die reichweitenstärkste deutsche Streamingplattform", hieß es. Der tägliche Nutzerkreis ist demnach auf 3,2 Millionen gewachsen. 41 Prozent davon gehörten der wichtigsten Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren an.

Fragt man Axel Balkausky, warum die ARD so viele Sportdokus anbietet, verweist auch der Sportkoordinator auf das Zuschauerinteresse. Sportdokus seien "grundsätzlich eher erfolgreiche Angebote in der ARD Mediathek" und würden gerade dort oft "sehr gut angenommen", sagt Balkausky, "aus diesem Grund haben wir unser Engagement hier noch weiter ausgebaut". Man wolle damit "in der Regel ein möglichst breites Publikum ansprechen". Zugleich gebe es aber immer wieder auch Angebote, "die eine spitzere Zielgruppe für die ARD Mediathek gewinnen sollen". Als Beispiele nennt er die Dokuserien "Sportsfreundin" speziell für Frauen oder "Skate Evolution": Darin geht es um die Geschichte des Skateboardens in Deutschland.

Veröffentlicht wurden Balkauskys Angaben zufolge 2025 zehn Sportdokus, die gemeinschaftlich durch die ARD-Sportkoordination betreut werden und primär für die Mediathek gedacht sind. 2024 seien es sogar 15 Formate gewesen. "Darüber hinaus gibt es jährlich noch eine Vielzahl weiterer Sportdokumentationen im Ersten und von den Dritten Programmen sowie Dokus mit Sportbezug aus anderen Programmbereichen", sagt er. (Foto "The Last Dance": vds/ESPN)

Besonders erfolgreich liefen nach ARD-Angaben zuletzt "Being Franziska van Almsick" mit 3,3 Millionen Abrufen seit der Veröffentlichung am 4. September 2025 und "Rise & Fall 1860 München" mit drei Millionen Abrufen seit der Veröffentlichung am 25. Oktober 2025 (alle Zahlen Stand 12. Dezember 2025). "Being Katarina Witt" kam in den ersten zwei Wochen auf 1,8 Millionen Abrufe. Bei der Doku "Terror. Fußball. Paris 2015" waren es nach vier Wochen vergleichsweise geringe 760.000. Die zeitgleich mit 1860 veröffentlichten "Rise & Fall"-Dokus zum 1. FC Kaiserslautern (830.000) und zum VfB Stuttgart (625.000) wurden zunächst von deutlich weniger Menschen in der Mediathek angeschaut. Im BR war die Idee für die Reihe entstanden.

Das weitaus größere Interesse an "Rise & Fall 1860 München" erklärt Andreas Egertz auch damit, dass zunächst vor allem die Doku zu den Löwen beworben wurde. "Wir waren mit 1860 die Lokomotive, um auf die Reihe aufmerksam zu machen", sagt der Redaktionsleiter Magazine/Dokumentation/Hintergrund des BR-Sports. Egertz freut sich generell über "tolle Abrufzahlen und Einschaltquoten" bei den Sportdokus und verweist auf das Ziel, damit auch "das jüngere Publikum noch mehr für die Mediatheken zu gewinnen". Er sagt: "Wir tragen damit den veränderten Sehgewohnheiten Rechnung. Die jüngeren Zuschauer möchten etwas gucken, wann sie wollen, nicht zu vorgegebenen Sendezeiten."

Hört man sich bei den öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern sowie Streaminganbietern um, nennen diese als einen wichtigen Ansatz der Dokus den besonderen Blick, "den Schlüssellocheffekt für das Publikum". Doch es werde immer schwieriger, wirklich nah heranzukommen, besonders bei den Fußballern. "Es sei denn, du lässt es dich was kosten, und dann kostet das auch richtig", heißt es aus einer Redaktionsleitung. Befragt man dazu Balkausky, ob es zuweilen kompliziert für die ARD sei, die Protagonisten für die Dokus zu gewinnen und ob dafür auch monetäre Argumente nötig seien, antwortet er: "Nicht bei jeder Dokumentation können und wollen die ProtagonistInnen ein Teil sein, nicht jedes Konzept sieht das auch vor. Grundsätzlich zahlen wir aber kein Geld für die Teilnahme an einer Dokumentation." (Foto "Rise & Fall": vds/ARD)

Allein in der ARD werden 2026 einige neue Sportdokus hinzukommen, und sie dienen auch dazu, das Publikum crossmedial innerhalb der eigenen Angebote zu binden. Den Anfang macht die NDR-Produktion "Generation Goldjungs – Unsere neuen Handball-Stars" über Renars Uscins, David Späth und Marko Grgic. Ab dem 7. Januar, kurz vor Beginn der EM, soll die dreiteilige Serie in der ARD Mediathek zu finden sein und auch für einen Publikumsstrom hin zu den Liveübertragungen im linearen TV sorgen, nicht nur umgekehrt in Richtung Mediathek. In dieser kommt ab dem 24. Januar vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) "Powerplay – Das beste Eishockey Team für Olympia" hinzu, eine Doku über die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft.

Zum Großereignis Olympische Winterspiele ist außerdem im Februar die BR-Doku "Die Last der Spiele – mentale Gesundheit und Olympia" mit Esther Sedlaczek geplant. Im März soll eine neue Ausgabe von "Geheimsache Doping" von Hajo Seppelt und seinem Team folgen, ehe vor der im Juni beginnenden Fußball-WM drei Dokus über das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada veröffentlicht werden sollen.

Wer will, kann also auch in der hellen Jahreszeit viele Tage oder sogar Wochen dafür verwenden, neben den linearen Angeboten Sportdokus zu gucken. Vielleicht auch jene, die man im Winter nicht geschafft hat.

 

Lust auf Sportdokus und andere Sportfilme? Am 29./30. März findet in Oberhausen das 6. Deutsche SportFilmfest statt. Alle Infos hier.