Deutsch-israelische Beziehungen

„Der Fußball hat mehr geschaffen als die Diplomatie“

Vor 50 Jahren nahmen die Bundesrepublik Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen auf. Das Verhältnis beider Staaten wird stark durch den Fußball und dessen Rezeption in den israelischen Medien geprägt.

Von Albert Mehl

Vor dem 12. Mai 1965 hatte es wenige Kontakte im Sport durch die Makkabi-Bewegung, die Sportjugend und die vereinzelte Ausbildung von Fußballtrainern in Köln gegeben. Nach 1965 waren es daneben noch Leichtathleten und Basketballer, die zu einer Normalisierung der Beziehungen beitrugen. Und vor allem Fußballer, bei denen der FC Bayern Hof den Vorreiter machte und dann besonders die Kicker von Borussia Mönchengladbach mit ihrem Trainer Hennes Weisweiler zu Diplomaten in Trainingsanzügen avancierten.

Nicht nur Altvordere der Journalistenzunft werden sich noch an Zeiten erinnern, als das Sportressort in Redaktionen als überflüssig wahrgenommen wurde. Das ist Geschichte. Über die Bedeutung des Sportjournalismus, vornehmlich des Fußballjournalismus, muss hier nicht mehr gestritten werden.

Fast schon geadelt wird die Arbeit der Berichterstatter von Prof. Moshe Zimmermann. Der israelische Sporthistoriker stellte im Rahmen der 8. Sporthistorischen Konferenz zum Thema „Deutsch-israelische Fußball-Freundschaft“ in der Schwaben-Akademie Irsee fest, dass sich über den Fußball ein „Kulturtransfer“ zwischen beiden Ländern vollzogen habe – auch dank der Journalisten. Die Entwicklungen im Fußball seien hier „ein Signal für andere Bereiche“ gewesen, meinte er.

So sei die Reaktion auf den deutschen WM-Triumph 1954 in Bern in israelischen Zeitungen „erstaunlich unaufgeregt“ ausgefallen. Dabei war das Kriegsende erst neun Jahre her und die Gründung eines eigenen Staates für das Volk der Opfer erst sechs Jahre zuvor erfolgt. Trotzdem habe die Last der Geschichte nur eine marginale Rolle bei der Reaktion der israelischen Öffentlichkeit gespielt. Was diese Reaktion für Zimmermann noch erstaunlicher macht, ist die Begeisterung in Israel für den ungarischen Fußball und damit den Finalgegner der deutschen Elf. „Wir waren alle Fans von Puskas und dem ungarischen Fußball“, sagte der Wissenschaftler aus Jerusalem.

Vorbehalte 1966 auch gegen Weltmeister England

Auch bei der WM 1966 hätten die Sympathien in Israel eher dem deutschen Finalgegner gegolten. Allerdings sei die Freude über den Erfolg der Engländer nicht überschäumend gewesen; wegen deren Vorgeschichte als Mandatsmacht in Palästina habe es eine gewisse Reserviertheit gegeben.

Die „Wende“ kam für Zimmermann mit den Jahren 1968 und 1969. Vor allem durch die Fohlen-Elf von Borussia Mönchengladbach und deren Trainer Hennes Weisweiler habe die israelische Bevölkerung deutsche Mannschaften näher kennengelernt. Die Reaktionen seien jedenfalls sehr positiv gewesen. „Der Fußball hat hier mehr geschaffen als die Diplomatie“, sagte Zimmermann.

Auch wenn die Sympathien bei den Welttitelkämpfen 1974 in Deutschland mehr bei den Niederländern gelegen hätten („Die arabische Minderheit war für die deutsche Mannschaft“), schienen sich die Beziehungen beider Länder normalisiert zu haben.

Doch das Verhältnis kippte bei der WM 1994 in den USA. Selbst seriöse Autoren hätten damals über die Frage diskutiert, „wo wir, die Israelis, stehen, wenn Deutschland im Fußball beteiligt ist“, blickte Zimmermann zurück. Jedenfalls habe es in Israel „eine Welle von negativen Reaktionen“ auf die Deutschen gegeben, was vor allem im Fußballbereich habe festgestellt werden können. Als Hauptursache werden die deutsche Wiedervereinigung und rassistische Ausschreitungen in Deutschland genannt.

Stimmung beim „Sommermärchen 2006“ wird in Israel positiv wahrgenommen

Dazu kommt noch eine „eigene Erklärung“ des Sohns Hamburger Juden: Israel habe das Feindbild UdSSR und Kommunismus verloren – und das Feindbild Palästinenser durch die Oslo-Erklärung und den Friedensvertrag mit Jordanien. Da habe man auf den Erzfeind aus der Geschichte zurückgegriffen.

2006 beim "Sommermärchen" in Deutschland sei das aber wieder ganz anders gewesen. „Da herrschte eine ganz andere Stimmung im Land“, berichtete Zimmermann. Man habe in Israel gesehen, dass die Wiedervereinigung nicht zum Vierten Reich geführt habe. Zudem habe man mit der Zweiten Intifada den „alten Feind“ wiedergefunden und die Bemühungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit Jürgen Klinsmann um freundschaftliche Beziehungen positiv registriert.

Deshalb habe überrascht, dass bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine wieder negative Diskussionen aufgeflammt seien. Die Reaktion darauf sei aber die Forderung verschiedener Stimmen in Israel gewesen, das Deutschland von heute anders zu betrachten als das Deutschland vor 1945. Dass sich diese Ansicht offensichtlich durchgesetzt hat, belegte der Sporthistoriker mit einer Zahl: Die Fernseh-Einschaltquote beim WM-Finale 2014 habe in Israel bei 51 Prozent gelegen – „eine Zahl, die sonst nie erreicht worden ist“.

10.12.2015






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